Max Aicher Head7 Akademie Bgl

Presseinformation

03. April 2017 

 

Eine Stadt lernt Deutsch 

Caritas und Max Aicher bieten Sprachunterricht für alle Asylbewerber der Stadt Bad Reichenhall

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In einem bayernweit einzigartigen Modellprojekt bietet die Max Aicher Stiftung gemeinsam mit dem Caritasverband der Erzdiözese München und Freising seit kurzem professionelle Sprachkurse für alle Asylbewerber einer Stadt an. Erstmals können somit alle Flüchtlinge der Stadt Bad Reichenhall in den 13 dezentralen Asylunterkünften an professionellen Sprachkursen teilnehmen. Durch die Zusammenarbeit von Wirtschaft und Kirche drücken so seit einigen Wochen 45 SchülerInnen aus etwa 10 Nationen u.a. im Pfarrzentrum St. Zeno gemeinsam die Schulbank. In enger Vernetzung und Zusammenarbeit zweier nicht alltäglicher Partner wird dieses Angebot sichergestellt.

Neben dieser Kooperation braucht dieses Angebot enge Vernetzung und Zusammenarbeit mit einer großen Zahl an Institutionen und Partnern, die von Behörden bis zu ehrenamtlich engagierten Sprachhelfern reichen. Es ist gemeinsame Sicht von Caritas und Max Aicher, dass die große Herausforderung der Integration der Flüchtlinge im Landkreis nur in Partnerschaft gut zu lösen ist.

 

Kirche und Wirtschaft – Hand in Hand für professionellen Spracherwerb

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Mit Aufnahme von gleichzeitig bis zu 1200 Personen seit Herbst 2015 in verschiedenen Flüchtlingsquartieren im Landkreis Berchtesgadener Land, stellt sich das Thema, wie es gelingen kann den neu hierher kommenden Menschen möglichst rasch den Zugang zur deutschen Sprache zu ermöglichen. Ursprünglich fast ausschließlich ehrenamtlich organisiert, stellte sich sehr bald die Frage, wie ein strukturell und fachlich/professionelles Angebot abgesichert werden kann. Bis heute ist die Finanzierung fast gänzlich auf privaten Mitteln aufgebaut.

In den Asyl-Unterkünften von Max Aicher findet bereits seit September 2015 Deutschunterricht statt: „Deutsch vom ersten Tag an“ für alle Asylbewerber, unabhängig von Status und Herkunftsland - nach einem einheitlichen Lehrkonzept. Getreu dem Motto „Bildung ist unser höchstes Gut“ gründete Max Aicher zudem als verbindende Integrationsmaßnahme aus Privatmitteln das Lernzentrum in Freilassing - eine Privatklasse für den qualifizierten Mittelschulabschluss für Asylbewerber und Zuwanderer. In allen anderen Quartieren ist das Angebot bis heute überwiegend ehrenamtlich organisiert und dadurch kaum flächendeckend anbietbar.

Im Winter 2016 sahen der Caritasverband der Erzdiözese München und Freising und die Max Aicher Stiftung die immer stärker werdende Notwendigkeit, in einem Modellprojekt professionellen Sprachunterricht für alle Asylbewerber in Bad Reichenhall anzubieten. Viele Asylbewerber haben und hatten aufgrund von Status oder Nation nicht die Möglichkeit, einen Deutschkurs zu besuchen. Viele der zu staatlichen Kursen zugelassenen Flüchtlinge haben monatelange Wartezeiten auf freie Plätze vor sich. Für Bewohner in dezentralen Unterkünften in Bad Reichenhall gibt es kaum die Möglichkeit, strukturiert und intensiv Deutsch zu erlernen. So kümmerten sich v.a. ehrenamtliche Helfer um genau diese Gruppen. Gleichzeitig wird und wurde immer deutlicher sichtbar, dass hier Grenzen des ehrenamtlichen Engagements (Zeiteinsatz, Intensität,…) erreicht werden.

Sprache ist DAS Integrationsinstrument Nummer eins. Neben dem Erlernen der deutschen Sprache  fördert das intensive Lernen in kleinen Gruppen zudem das friedliche Zusammenleben und entschärft soziale Brennpunkte. Es ist für alle ein Lernen fürs Leben. Die, die in ihre Länder zurückkehren (müssen), werden Botschafter Deutschlands sein. Ihre Kenntnisse können ein kleiner Baustein für eine bessere Ausgangslage für ihr zukünftiges Leben sein.

 

Kirche und Caritas

Kirche und Caritas kennen in vielen Zusammenhängen  die Facetten, Tragödien und Hoffnungen der Menschen, die sich auf den Weg machen, ihr Leben in sicherer und geschützter Umgebung leben zu können. Eines verbindet diese Lebensgeschichten. Ausgangspunkt ist beinahe immer eine persönliche Situation, die es bei näherem Hinsehen nachvollziehbar macht, die Heimat zu verlassen, auf der Suche nach einer Lebensperspektive in sicherer Umgebung.

Weltweit sind mehr als 60 Millionen Menschen auf der Flucht vor Verfolgung, Elend, Krieg und persönlicher Bedrohung. So viele wie noch nie seit dem 2. Weltkrieg. Ein kleiner Teil dieser Menschen kommt auch zu uns. Wie wir mit diesen Flüchtlingen umgehen, ist seit jeher eine der großen Herausforderungen aller Gesellschaften, bei denen um Aufnahme gebeten wird. Diese Frage stellt sich tagtäglich auch bei uns. Ein Baustein daraus ist, den Menschen so rasch als möglich einen Zugang zu Bildung und Ausbildung zu ermöglichen. Sprache und Spracherwerb sind der wesentliche Schlüssel.

Asylverfahren brauchen Zeit, dauern manchmal schier unendlich lang. Versorgt zu werden, ohne selber etwas tun zu können/dürfen macht mürbe und krank. Gemeinsam die Sprache des Gastlandes zu erlernen verkürzt diese Zeit und macht aus einer „Wartezeit“ eine „Bildungszeit für bessere Chancen“ im weiteren Leben. Mit der 50% Finanzierung des derzeitigen Angebotes aus Mitteln der Erzdiözese München – Freising setzt die Kirche ein deutliches Zeichen, wie wichtig diese Angebote sind.

 

Das konkrete Projekt: Deutsch-Unterricht für alle Asylbewerber in den dezentralen Unterkünften in Bad Reichenhall

Im Januar und Februar starteten nach Einstufungstests die unterschiedlichen Kursgruppen. Unter der operativen Leitung und Koordination der Max Aicher Stiftung lernen die TeilnehmerInnen von Montag bis Donnerstag in mindestens 16 Unterrichtseinheiten die deutsche Sprache. Die Caritas und die Kirche Bad Reichenhall stellen die Räumlichkeiten zur Verfügung. Die Lernhilfe Oberndorf ist von Anfang an pädagogischer Partner. Je nach Kenntnisstand „pauken“ Männer wie Frauen, Afghanen, Eriträer, Ukrainer, Somalier, Nigerianer, u.a. gemeinsam in fünf unterschiedlichen Gruppen. So gibt es differenzierten Unterricht in einer ABC-Gruppe, Einsteiger Basis- und fortgeschrittenen Gruppen oder auch im abendlichen Konversationskurs auf höherem Niveau. Grammatik, Lesen, Sprechen, Schreiben und Verstehen von Alltagsthemen, Kultur und Leben in Deutschland bis hin zu praktischen Themen füllen die Stunden. Die regelmäßige Anwesenheit, Hausaufgaben und fixe monatliche Tests sorgen für die nötige Qualitätsprüfung und -entwicklung sowie die laufende Optimierung des Unterrichts.

 

OECD-Studie unterstützt das gemeinschaftliche Sprachprojekt

Die aktuelle OECD-Studie vom März 2017 stellt fest, dass staatliche Maßnahmen und Initiativen der zivilen Bevölkerung verstärkt werden müssen, damit die Arbeitsmarktintegration in den nächsten Jahren funktioniert. Daher muss und wird Sprachförderung auch zukünftig Priorität haben. Um den vielen unterschiedlichen Lern-Bedürfnissen der Asylbewerber gerecht zu werden, muss v.a. die Diversifizierung der Kurse weiter ausgebaut werden: Alphabetisierungskurse, Grundkurse, Intensivkurse, Eltern-, Frauenkurse, sprach- und berufsbegleitende Kurse u.a.

 

Ausblick

Das Modellprojekt Caritasverband der Erzdiözese München und Freising und die Max Aicher Stiftung soll und muss weiter geführt werden. Eine Ausweitung auf andere Partner ist wünschenswert, denn: Professioneller, diversifizierter Deutschunterricht muss so frühzeitig wie möglich und so koordiniert wie möglich mit allen relevanten Institutionen angeboten werden. Er ist einheitlich für alle Zuwanderer, Flüchtlinge, und Asylbewerber zu erweitern und in der Grundstruktur aus öffentlichen Mitteln zu finanzieren. Hier sind gemeinsames Vorgehen und gemeinsame Finanzierungsmodelle zu planen und umzusetzen. Die Max Aicher Stiftung wird weiterhin den Deutschunterricht in der Region fördern.

Nicht zuletzt wird  mit einer gesicherten Basisfinanzierung und professionellen Organisation der Sprachausbildung auch das ehrenamtliche Engagement dauerhaft abgesichert. Ehrenamtliches Engagement kann dann die Stärke besonders zeigen, wenn es um individuelle Begleitung, Lernhilfe und Nachhilfe geht und ganz besonders um die Hinführung zu unserer Lebensweise und Kultur.